Über die Drehorgel

DrehorglespielerNachstehende KurzĂŒbersicht basiert auf der Vorstellung einiger unserer Drehorgeln im GesprĂ€chskreis Philosophie der VHS Ergoldsbach durch Christa Bienek-Erfurth im Jahr 2001.

Bei dieser Veranstaltung des Arbeitskreises drehte sich alles um die Drehorgel, auch oft als Leierkasten bezeichnet. Dieses bereits mehrere Jahrhunderte alte Instrument ist die kleine und agile Schwester der großen Orgeln und erzeugt ihre Musik auf die gleiche Weise ĂŒber Orgelpfeifen und Blasebalg.

WĂ€hrend der normale Organist die fĂŒr die Tonerzeugung notwendigen Ventile der Orgelpfeifen ĂŒber seine Manuale betĂ€tigt, sind bei der Drehorgel die Ventilsteuerung und damit die Melodien auf Walzen, NotenbĂ€ndern oder sogar auf elektronischen Speichern fest abgelegt. Durch Drehen der Kurbel werden der Blasebalg betĂ€tigt und die Ventile entsprechend geöffnet, die Melodien erklingen. Da der Drehorganist somit weit weniger Einfluss auf die Musik hat als der virtuose Organist, zĂ€hlen die Drehorgeln zu den mechanischen Musikinstrumenten.
 

Bis in die zwanziger Jahre des gerade vergangenen Jahrhunderts gehörten Drehorgeln zum alltĂ€glichen Straßenbild, verschwanden dann aber immer mehr – wohl vor allem wegen des Aufkommens der Grammophone als Musikwiedergabe. Seit den 70er Jahren kann allerdings eine Wiederentdeckung dieser edlen, traditionellen Instrumente beobachtet werden. Heute sind sie vor allem auf den immer zahlreicher werdenden Drehorgelfesten zu bewundern.

Sowohl die alten als auch die heute gefertigten Instrumente sind handwerklich und kĂŒnstlerisch ausgefeilte Kostbarkeiten, fĂŒr die die Drehorgelspieler krĂ€ftig investieren dĂŒrfen. Mit Bettelinstrumenten haben diese nichts zu tun sondern sind eine Wertanlage, die noch zusĂ€tzlich viel Freude bringt.

1        EinleitungDrehorgelspieler Marionette

Die Drehorgel ist ein mechanisches, also „selbsttĂ€tiges“ Musikinstrument, und zunĂ€chst eine handwerkliche Leistung, das gemeinsame Produkt von Schreiner, Orgelbauer, Feinmechaniker, Kunsthandwerker und - natĂŒrlich dem Arrangeur, dem Musiker, der nicht Musik "erfinden", aber geeignete Musik fĂŒr die Drehorgel herrichten muss. Durch Drehen einer Kurbel werden der Blasebalg betĂ€tigt und die Ventile der Pfeifen entsprechend einer festen Steuerung (Walze, Notenband oder Mikrochip) geöffnet.

2        Geschichte

2.1       Mechanische Musikinstrumente

Man weiß, dass schon 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung Konfuzius von einer chinesischen Nachtigall berichtet, einem mechanischen Singvogel, der mit einem orgelĂ€hnlichen GerĂ€t Vogelstimmen nachahmte. Ein Ă€hnliches Instrument sollen die alten Perser gekannt haben. Das Prinzip, damals wie heute, ist immer das gleiche: Eine Darstellung von musikalischen AblĂ€ufen - und sei es das Gezwitscher einer Nachtigall -, die von der persönlichen Deutung oder musikalischen Begabung und dem Zufall der stimmlichen FĂ€higkeiten eines "Musikers" unabhĂ€ngig und dennoch in einer konstanten QualitĂ€t jederzeit verfĂŒgbar ist.

2.2       Serinette (Vogelorgel)

Unter dem Stichwort "Canarienorgel" taucht diese z.B. 1742 in einem gÀngigen Gesellschaftslexikon (von Valentin Trichter) auf. Die Vogel-Orgel, auch als Serinette bezeichnet, war ein Instrument, um - zum Beispiel - Kanarienvögeln das "kultivierte" Singen beizubringen, eine FreizeitbeschÀftigung, bei der sich vor allem die Franzosen hervorgetan haben sollen.

2.3       DrehorgelDrehorgel Ersttagsbrief

Die Herkunft der Drehorgel verliert sich im Dunkel der Geschichte. Das hĂ€ngt damit zusammen, dass man sie immer als ein Instrument der kleinen Leute, der Hinterhöfe und der Asozialenszene der sogenannten guten alten Zeit verstand. Und darĂŒber redete man nicht. Dennoch feierte die Drehorgel in Deutschland vor wenigen Jahren sogar einen richtigen Geburtstag. 1990 in Berlin. Da sollte sie 200 Jahre alt geworden sein. Und nicht nur, damit die Deutsche Bundespost eine recht hĂŒbsche Briefmarke herausbringen konnte, die es dann aber nur in Berlin gab. Das hĂ€ngt vielmehr mit dem Datum des Beginns einer ersten handwerklich-industriellen Fertigung von Drehorgeln in Preußen unter Friedrich Wilhelm II (1786-1797), einem Großneffen Friedrichs des Großen, zusammen.

Solche Manufakturen sollen sich in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts auch fĂŒr den Drehorgelbau organisiert haben. Die erste vielleicht wirklich um 1790.

In der Sammlung von AntiquitĂ€ten von Athanasius Kircher (1601 - 1680), der die Laterna magica erfunden haben soll (ein gewissermaßen mechanisches Theater, das mit Hilfe eines Hohlspiegels ein Bild, meist Schattenbild mit starken Konturen statt auf eine Wand in eine kĂŒnstlich erzeugte Rauchwolke projizierte und so die Illusion von beweglichen Bildern, also einer Art Handlung erzeugte, einen Stummfilm aus ganz wenigen Bildern.),  soll sich in der Abteilung "musikalische Instrumente und Maschinen" auch eine Drehorgel befunden haben, eine Orgel mit einer Walze, die durch eine Handkurbel in Bewegung gesetzt wurde, das alles in feinem Kirchenlatein beschrieben. Die Beschreibung stammt aus dem Jahre 1709. Kann sein, dass dies die Geburtsurkunde der Drehorgel ist.

Der erste Drehorgelbauer, der in Deutschland namentlich erwĂ€hnt wird, gehörte zur berĂŒhmten Orgelbauerfamilie Silbermann. Das war Daniel Silbermann , ein Neffe des "Königs der Orgelbauer", Gottfried Silbermann. Auf den Neffen Daniel gibt es einen Nachruf in den "Wöchentlichen Nachrichten und Anmerkungen die Musik betreffend" von 1758. Darin wird an den "ChurfĂŒrstlich SĂ€chsischen Hof Commissarius und Hoforgelbauer" Daniel Silbermann erinnert und seine Arbeit gewĂŒrdigt: Seit einigen Jahren habe er sich "außer der Aufsicht ĂŒber die neue Dresdner Orgel, meistenstheils mit Verfertigung allerley kĂŒnstlicher Drehe-Orgeln" beschĂ€ftigt.

Es gibt die Drehorgeln als UmhĂ€ngeorgeln (Bauchorgeln), Straßenorgeln und Konzert-, Karussel- oder Kirmesorgeln.

Die Hochzeit der Drehorgeln ging bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit Schwerpunkt der Fabrikation in Waldkirch und Berlin.

Nach einer Zeit, in der die Orgeln lieblos behandelt, teilweise zerstört und auch vergessen worden sind, begann in den siebziger Jahren eine Renaissance der Orgeln, nachdem sich Sammler und auch Orgelbauer derselben angenommen hatten. Die neuen Orgeln waren meist Notenbandorgeln (Hofbauer, spĂ€ter auch andere), in jĂŒngerer Zeit (ab Anfang der 80er Jahre) kommt die elektronische Speicherung auf Mikrochips hinzu (anfangs Hofbauer, dann auch Deleika und nun Raffin).

2.4       TanzbĂ€r

Eine Variante der mechanischen Spielinstrumente und eigenstĂ€ndiges Musikinstrument ist der „TanzbĂ€r“, ein selbstspielendes Akkordeon, das hĂ€ufig mit den gleichen Notenbandrollen oder auch Mikroboxen gesteuert werden kann. Auch hier werden die Töne durch die Luft, die die Zungen zum Schwingen bringt, wie bei den normalen Akkordeons auch, erzeugt.Den TanzbĂ€ren gibt es nun auch schon fast hundert Jahre und er wurde damals von der Leipziger Firma Zuleger berĂŒhmt gemacht. Heute werden diese z.B. von BlĂŒml, Hofbauer und Watterott mit jeweils unterschiedlichen Techniken hergestellt.

Nicht zu verwechseln ist dieses Instrument mit solchen Pseudoinstrumenten, bei denen die Musik ĂŒber eingebaute VerstĂ€rker von einem MusikabspielgerĂ€t kommt. Auch bei “Drehorgeln” gibt es entsprechende Attrappen, wo die Musik nicht von den Pfeifen oder Zungen sondern von Kassettenrekordern oder CD-Spielern stammt. Diese “SchaustĂŒcke” wollen wir nicht betrachten, da sie mit mechanischen Musikinstrumenten nichts zu tun haben.

3        Einsatzbereiche

3.1       Kirche

Vor allem in England wurde die Drehorgel auch als Kircheninstrument eingesetzt. Diese wurden vor allem in kleinen Dorfkirchen in SĂŒd- und Ostengland verwendet, eine Übersicht zĂ€hlt 558 Orte in 50 Grafschaften auf (2, S. 66), auch in 12 Londoner Kirchen war sie zu finden (1, S. 135). In der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts setzte das „Sterben“ der Orgeln ein, die hĂ€ufig zu normalen Orgeln umgebaut wurden.

In Deutschland hat es nur wenige EinsĂ€tze gegeben, eine Tochter des Orgelbauers Kummer hat ca. 1821 deren EinfĂŒhrung relativ erfolglos betrieben (vgl. 2, S. 24 ff).

3.2       LumpeninstrumentDrehorgelspieler Marionette

In jeder einzelnen Drehorgel stecken viele tausend Arbeitsstunden. Das hat die Drehorgel - immer schon - zu einem relativ teuren GerĂ€t gemacht, das denen, die von der Musik der Drehorgel leben wollten, meistens gar nicht selbst gehörte. Sie wurden, ĂŒbrigens dort, wo man mit der Drehorgel betteln ging, meistens von den Herstellern ausgeliehen. Nicht an jeden. DafĂŒr gab es, zum Beispiel im alten Berlin, gewisse ordnungspolizeiliche Regeln, manchmal auch EignungsprĂŒfungen.

Eine Drehorgel aus Waldkirch, einem bedeutenden Produktionsort bis in die dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts, kostete um die Jahrhundertwende etwa 650 Mark, dazu kam die "Musik", die gespeicherte Musik selbst, die extra kostete. Ein Arbeiter in den OrgelbauwerkstĂ€tten selbst verdiente bei einem zehnstĂŒndigen Arbeitstag stolze 3,70 Mark. Am ganzen Tag! DafĂŒr konnte er zehn Pfund Mehl kaufen oder etwas mehr als drei Pfund Butter - aber nie im Leben eine Drehorgel. Das waren die Drehorgeln in Waldkirch. Die "berĂŒhmten" Berliner Drehorgeln von Bacigalupo kosteten damals schon um die HĂ€lfte mehr. Nichts fĂŒr kleine Leute: Nur die Musik.

War der Drehorgelspieler frĂŒher auch musikalischer Unterhalter, NachrichtenĂŒbermittler und Meinungsbildner (BĂ€nkelsĂ€nger), so wurde spĂ€ter das Drehorgeln zur staatlich abgesicherten Einnahmequelle von Kriegsinvaliden (Österreich: WerkelmĂ€nner, Kaiserin Maria Theresia, dann auch in Preußen, 5 S. 104).

Die Drehorgelspieler nahmen teilweise ĂŒberhand, die Instrumente waren hĂ€ufig nicht gewartet. Daher sind einige abwertende Kommentare ĂŒberliefert:

„Es gibt große und kleine Drehorgeln, hĂ€ufig zur Folter fĂŒr musikalische Ohren geschaffen“ (Musikalisches Wörterbuch, 1829 – 1, S. 93).

4        Hersteller

4.1       Historische Hersteller (Auszug)

Luigi Bacigalupo, Berlin

Bacigalupo Söhne, Berlin

Frati, Berlin

Ignaz Bruder, Waldkirch (1834) und Nachfolger

Carl Frei, Waldkirch

Ruth und Sohn, Waldkirch (Konzertorgeln)

Adolf Holl, Berlin

Wenzel Hrubesch, Prag

Gavioli, Paris

...

4.2       Aktuelle Hersteller (Auszug)

Hofbauer, Göttingen

Deleika, DinkelsbĂŒhl - Waldeck

Raffin, Überlingen

JĂ€ger & Brommer, Waldkirch

StĂŒber, Berlin

Schlemmer, Balingen-Weilstetten

Schmider, Hausach

BlĂŒml, Zacherlhof, Grassau

Gilbert Watterott, Hausen, ThĂŒringen

...

5        Technik

Das wichtigste an der Drehorgel ist das Orgelwerk mit den Pfeifen, dem durch die Handkurbel bewegten Blasebalg, den Kipphebeln oder der Spieltraktur und natĂŒrlich dem Liedspeicher, dem ProgrammtrĂ€ger, der die Musik erst möglich macht.

5.1       Walze

FĂŒr die Musikspeicherung diente frĂŒher eine Walze. Das ist ein aus Pappelholz geschnittener Zylinder, die Stiftwalze, in die Stifte und Bögen aus Messingdraht geschlagen wurden. Die öffnen und schließen die Kipphebel der Pfeifen in der Bewegung der Kurbel und dem damit erzeugten Wind des Blasebalgs. Ein mĂŒhsames, zu allen Zeiten schlecht bezahltes GeschĂ€ft, das vielfach von Frauen in Heimarbeit besorgt wurde.

5.2       NotenbandMarionetten Drehorgelspieler Musikant

Im Jahre 1885 fĂŒhrte die französische Orgelbaufirma Gavioli, die seit 1886 auch in Waldkirch niedergelassen war, KartonnotenbĂ€nder als Digitalspeicher ein. Das sind ProgrammtrĂ€ger, die den Musikbefehl - pfeifen oder nicht-pfeifen - durch eine mechanisch lesbare Lochkarte steuern. Und ein paar Jahre spĂ€ter (1900) kamen die ebenfalls in Waldkirch tĂ€tigen Orgelbaufirmen Ruth und Sohn und GebrĂŒder Bruder auf das pneumatisch, also luftgesteuerte Notenband. Weil man diese neuen DatentrĂ€ger leicht auswechseln konnte - es waren ja nur gestanzte Papierrollen - wurde die Musikauswahl erheblich erweitert. Die "klassische" Orgel aber blieb lange die Walzenorgel.

Heute sind die Notenbandorgeln die verbreitetsten. Mancher Hersteller (z.B. Schmider) hat durch eine geschickte PapierfĂŒhrung auch die Nutzung von Endlos”rollen” eingefĂŒhrt, allerdings mit dem Nachteil, dass ein Wechsel der Rollen nur aufwendig möglich ist. Daher hat sich dies nicht in der Breite durchsetzen können.

Die Steuerung der Ventile bei NotenbĂ€ndern (und auch Faltkartons) erfolgt pneumatisch, d. h. ein Teil der erzeugten Luft aus dem Blasebalg wird fĂŒr das Öffnen und Schließen der Ventile anhand der Löcher in den Papierstreifen verbraucht. Dabei werden grundsĂ€tzlich zwei unterschiedliche Steuerungstypen auch heute noch von den Herstellern eingesetzt, und zwar arbeiten die einen mit Unterdruck, die anderen mit Überdruck. Diese können leicht unterschieden werden, wenn man ĂŒberprĂŒft, ob die NotenfĂŒhrung und die Notenrollen luftdicht abgeschlossen werden mĂŒssen (z. B. bei Schlemmer) oder frei zugĂ€nglich bleiben (z. B. bei Raffin und Deleika).

Wenn auch die Notenrollen der verschiedenen Hersteller Ă€hnlich aussehen, so unterscheiden sie sich manchmal im Abstand und der GrĂ¶ĂŸe der Löcher. Auch die FĂŒhrungstrĂ€ger der Rollen sind nicht immer einheitlich:

Drehorgel NotenrollenDrehorgel Notenrolle GöckelDrehorgel Notenrolle RaffinDrehorgel Notenrolle Hofbauer

Auf dem linken Bild sehen Sie eine Notenrolle fĂŒr Raffin 31und 20er-Rollen fĂŒr Göckel, Deleika/Raffin, Hofbauer sowie daneben die unterschiedlichen RollenfĂŒhrungen fĂŒr die 20er-Orgeln (in gleicher Reihenfolge).

5.3       Faltkarton

Vor allem bei den großen Straßen- und Kirmesorgeln werden anstelle von NotenbĂ€ndern zusammenhĂ€ngende Kartonpakete fĂŒr die Steuerung eingesetzt. Diese sind wie ein Leporello gefaltet und werden von einer Seite der Orgel ĂŒber den Steuerblock auf die andere befördert, wo sie sich wieder zusammenfalten. Nach dem Ende des StĂŒcks mĂŒssen diese nicht wie bei den Notenrollen zurĂŒckgespult werden sondern können einfach umgedreht wieder abgelegt werden. Nachteil dieser Methode ist allerdings der große Platzbedarf fĂŒr die Kartonpakete. Manche Hersteller haben diese Form der NotentrĂ€ger auch fĂŒr kleinere Drehorgeln eingesetzt.

5.4       Microchip

Den weiteren Durchbruch zur musikalischen Vielfalt des heutigen Anspruchs schaffte schließlich erst in unseren Tagen der Microchip als Datenspeicher. Die Funktionen - Klappe auf, Klappe zu bei den Orgelpfeifen - ist völlig unverĂ€ndert. Neu dagegen ist das "Fassungsvermögen" dieser Art von „Walze“. Sie speichert nicht nur jene 20.000 "Befehle" der Stiftwalze oder auch - beim Notenband - ein Mehrfaches davon, wenn man nur genĂŒgend NotenbĂ€nder bei sich hat, sondern Hunderte von Millionen solcher Daten. Und das auf denkbar kleinstem Raum. Die VentilbetĂ€tigung erfolgt elektromechanisch ĂŒber Magnete.

Wegen der ungeheuer flexiblen Musikversorgung gehen auch bisher eingefleischte “Gegner” dieser modernen Technik dazu ĂŒber, diese zumindest zusĂ€tzlich anzubieten. Immer hĂ€ufiger findet man daher in derselben Orgel beide Techniken zusammen eingebaut, die Nutzung der Steuerungsart kann dann nach den Gegebenheiten frei gewĂ€hlt werden.

Basis der MusikstĂŒcke ist heute das genormte Midiformat, das auch fĂŒr die automatisierte Notenbandherstellung eingesetzt wird. Bei der elektronischen Speicherung entfĂ€llt aber anschließend die aufwendige, teure und platzbedĂŒrftige Umsetzung in das Papierformat. Der erzeugte Klang unterscheidet sich dagegen nicht, ob er pneumatisch oder elektromechanisch gesteuert wird, da bei beiden Arten die Windlade-Ventile sich öffnen und schließen und die tonerzeugende Luft aus den selben Pfeifen strömt. Allerdings haben die elektromechanisch gesteuerten Orgeln  in der Reaktionsgeschwindigkeit der Ventile und in der zur Tonerzeugung verfĂŒgbaren Luft aus dem Blasebalg Vorteile aufzuweisen.

5.5       Pfeifen

Die fĂŒr die Tonerzeugung notwendigen Pfeifen sind teils aus Holz, andere auch aus Metall gemacht. Es werden Ă€hnlich wie bei den großen Orgeln unterschiedliche Arten eingesetzt.

Eine Abart sind Zungenorgeln (Melotonorgeln), deren Tonerzeugung nicht ĂŒber Pfeifen sondern ĂŒber MetallplĂ€ttchen wie bei Mundharmonikas und Akkordeons erfolgt.

5.6       Tonstufen

Mit Tonstufen oder Claves werden die unterschiedlichen ansteuerbaren Noten bezeichnet, Ă€hnlich wie Tasten am Klavier unterschiedliche Tonhöhen erzeugen. Die Anzahl der Pfeifen muss mindestens so hoch sein wie die der Tonstufen, kann aber auch deutlich darĂŒber liegen. Bei den Notenbandorgeln erkennt man die Anzahl der Tonstufen, in dem man die Anzahl der Löcher im Steuerblock zĂ€hlt.

Die meist vertretenen Tonstufen sind die 20er und 31er. DarĂŒberhinaus gibt es 16er, 24er, 26er, 33er, 37er und so weiter. Dabei ist zu beachten, dass das Notenmaterial fĂŒr die nicht so gebrĂ€uchlichen Tonstufen oft nur spĂ€rlich vorhanden und schwer zu beschaffen ist. Die mit Abstand grĂ¶ĂŸte Zahl von Notenrollen gibt es fĂŒr die 20er Orgeln. Je grĂ¶ĂŸer die Anzahl der Tonstufen, desto breiter werden die Notenbandrollen, da jede Note eine Lochspur benötigt.

Je geringer die Anzahl der Tonstufen ist, desto schwieriger ist das Arrangement der Melodien, da diese eben nur eine geringe Notenzahl zulassen. Oft behelfen sich die Arrangeure dann damit, dass fehlende Noten durch Triller umspielt werden. Dies geht manchmal so weit, dass die Ursprungsmelodie kaum mehr erkennbar ist.

5.7       Register

Bei den aufwendigeren Orgeln gibt es meist mehr Pfeifen als Tonstufen. Dabei gibt es (in der Regel fĂŒr die Melodiestimmen) mehrere Pfeifenreihen mit denselben Noten aber anderem Klang (z.B. Trompeten anstelle Violinpfeifen). Manchmal spielen die Pfeifenreihen immer gemeinsam, hĂ€ufig wenn diese auf Schwebung (d.h. minimal zueinander verstimmt) ausgelegt sind (z.B. bei Deleika 20/31).

Besonders interessant sind die Orgeln, bei denen die einzelnen Pfeifenreihen (Register) durch RegisterzĂŒge ein- und ausgeschaltet werden können. Dadurch wird das Spiel weit abwechslungsreicher und die LautstĂ€rke und der Klang kann jeweils an die Umgebung besser angepast werden. Bei manchen Orgeln (wie z.B. bei Raffin) werden auf den Notenrollen oder in der Elektronik Hinweise fĂŒr die empfohlene Nutzung der jeweiligen Register gegeben. Das Prinzip der RegisterzĂŒge kennen wir auch bestens von den großen Schwestern unserer Orgeln, nĂ€mlich den Kirchenorgeln.

6        KomponistenMarionette Drehorgelspieler

„Am meisten von allen Instrumenten wird die Drehorgel gespielt, denn das erfordert lediglich ein regelmĂ€ĂŸiges Drehen der Kurbel. Aus diesem Grund ist es ein Instrument zu wirklich allgemeiner Verwendung; und die jĂŒngste Verbesserung durch einige englische Hersteller hat bewirkt, daß die Drehorgel fĂ€hig ist, eine Leistung zu geben, die den Fingern erstklassiger ausĂŒbender KĂŒnstler gleichkommt.“ ( so der englische Komponist Charles Burney in seiner Musikgeschichte von 1776) (3, S. 79).

Barock und Klassik hatten eine gewisse SchwĂ€che fĂŒr die "kleine Schwester" der Kirchenorgel, der "Königin der Instrumente". Joseph Haydn, natĂŒrlich Mozart und Carl Philipp Emanuel Bach schrieben eigens MusikstĂŒcke fĂŒr "selbstspielende Orgelwerke". SpĂ€ter auch Richard Wagner und Franz Liszt. Beethoven, weiß man, soll fasziniert einem Drehorgelspieler gelauscht und sich vielleicht ein bisschen scherzhaft gewĂŒnscht haben, seine Musiker einmal so "akkurat" spielen zu hören...

7        Veranstaltungen

Heute sind Drehorgeln vereinzelt in AltstĂ€dten oder KĂŒnstlermĂ€rkten, vor allem aber bei Drehorgelfestivals zu bewundern und zu hören.

So findet in Landshut zur FrĂŒhjahrsdult jeweils ein Drehorgelfest statt, das Herr Maierhofer organisiert.

Drehorgelspieler Auftritt Bruneck
Bild vom Drehorgeltreffen der Stadt Bruneck, SĂŒdtirol, 2003, mit Josef und Theresia Raffin aus Überlingen, Josef Demichel aus Bruneck, Jeanette und Peter Biermann aus dem Schwarzwald, Burgi und Florian Erlacher aus Partschins, Giuseppe Cecchin aus Feltre, dem GredbĂ€nk G’sangl Angelika Rinkl und Carmen Pirkl aus Neukirchen im Bayerischen Wald, Rudi Weidinger aus Pfarrkirchen, Christa Bienek-Erfurth und Hans-JĂŒrgen Erfurth aus Ergoldsbach.

 

8        Anekdoten

Richard Wagner (4, S. 45) „SchĂŒler von Richard Wagner“

Yehudi Menuhin (amerikanischer Geiger und Dirigent) gibt einem Drehorgelspieler seinen Obolus mit den Worten: „Wir Musiker mĂŒssen zusammenhalten“ (in den 30er Jahren) (1, S. 11).

9        Vereine

Club Deutscher Drehorgelfreunde e.V. (CDD)

Gesellschaft fĂŒr selbstspielende Musikinstrumente e.V. (GSM)

Internationale Drehorgelfreunde Berlin e.V.

Kring van Draaiorgelvrienden (KDV), Niederlande (gegr. 1954)

10        Museen (Auszug)

Deutsches Museum MĂŒnchen, Abt. Mechanische Musik

MĂŒnchner Stadtmuseum

Musikinstrumenten-Museum, Preußischer Kulturbesitz, Berlin

Musikinstrumenten-Museum Leipzig

Argentinisches Drehorgelmuseum, La Salvia

Weitere Ausstellungen in zahlreichen staatlichen und privaten Museen

11        Literatur (Auszug)

1.   Drehorgeln, Helmut Zeraschi, Koehler  Amelang (VOB), Leipzig, 1976

2.   Die Drehorgel in der Kirche, Helmut Zeraschi, Sanssouci Verlag, ZĂŒrich, 1973

3.   Mechanische Musikinstrumente, Alexander Buchner, Verlag Werner Dausien, Hanau, 1992

4.   Der Leierkasten in Wort, Bild und Ton, Klaus Krug, Internationale Drehorgelfreunde Berlin, 1997

5.   Der Leierkasten, Dietmar Jarofke, Verlag Wort- & Bild-Specials, Berlin, 1991

6.   Waldkircher Dreh- und Jahrmarkt-Orgeln, Herbert JĂŒttemann, Waldkircher Verlag 1993

7.   Waldkircher Orgelbauer, Hermannn Rambach, Otto Wernet, Waldkircher Verlag 1984

8.   Drehorgeln Schaurig-Schön, Ausstellungskatalog Schloss Bruchsal, Info Verlagsges. 1994

9.   Alles andere als Alltag. Die heitere Welt der mechanischen Musik, Ullrich Wimmer, M. Galunder Verl. 2000

10. Engros-Preisliste ĂŒber Musikwerke 1901

11. Zahlreiche Internet-Seiten