Karl Popper (1902 - 1994)

Popper, Sir (seit 1964) Karl Raimund, Philosoph, * Wien 28.7.1902, war 1947 - 69 Prof. in London; P.s Denken entfaltete sich in kritischer Auseinandersetzung mit dem logischen Positivismus des >Wiener Kreises<. Seine Kritik an der traditionellen Induktions- und Definitionstheorie, an der Be­schrĂ€nkung der Philosophie auf die sprachanalytische Methode und an den theoretisch  verallge­meinernden Sozialwissenschaften grĂŒnden in einer allgemeinen wissenschaftstheoretischen Metho­denlehre. P. versteht dies als >kritischen Rationalismus<, zu dessen Hauptmomenten das logische Prinzip der permanenten Fehlerkorrektur (Falsifikation) im Bereich der Theorienbildung gehört. Hier­aus folgt auch P.s Kritik an allen Formen des >Historizismus<, nach dem der weltgeschichtl. Ablauf absoluten Gesetzen unterliegt, sowie an allen Sozialutopien und Geschichtsprophetien seit Heraklit, Plato, Hegel und Marx. DemgegenĂŒber fordert er die vernĂŒnftige Planung sozialen Wandels durch eine >StĂŒckwerk-Sozialtechnik<, deren Erkenntnissen allein die >offene<, durch rationale Reformen verĂ€nderbare, mobile Gesellschaft entsprechen könne. Dieser gesellschaftstheoretische Standpunkt brachte P. in scharfen Gegensatz zu den Vertretern der >Frankfurter Schule< (Positivismusstreit, ® Positivismus).

Brockhaus EnzyklopÀdie, Band 14, 17. Auflage (1972)

Hawking ĂŒber Physik und Wirklichkeit:

Diese VortrĂ€ge haben sehr deutlich den Unterschied zwischen Roger (Penrose) und mir gezeigt. Er ist Platonist, und ich bin Positivist. Er macht sich Sorgen darĂŒber, daß Schrödingers Katze sich in einem Quantenzustand befindet, in dem sie halb lebendig und halb tot ist. Das kann in seinen Augen nicht der Wirklichkeit entsprechen. Doch mir macht das nichts aus. Ich verlange nicht, daß eine Theorie mit der Wirklichkeit ĂŒbereinstimmt, denn ich weiß gar nicht, was das ist. Wirklichkeit ist keine Eigen­schaft, die man mit Lackmuspapier testen kann. Mich interessiert nur, ob die Theorie die Ergebnisse von Messungen vorhersagt. Die Quantentheorie leistet dies sehr erfolgreich....

 

Penrose ĂŒber Physik und Wirklichkeit:

Die Quantenmechanik gibt es erst seit 75 Jahren. Im Vergleich zu Newtons Gravitationstheorie ist das eine recht kurze Zeit. Es wĂŒrde mich darum nicht wundern, wenn die Quantenmechanik fĂŒr ausge­sprochen makroskopische Objekte modifiziert werden muß.

Zu Beginn dieser Debatte sagte Stephen, daß er sich fĂŒr einen Positivisten hĂ€lt und mich fĂŒr einen Platonisten. Von mir aus mag er ein Positivist sein, aber fĂŒr den entscheidenden Punkt halte ich, daß ich ein Realist bin. Und wenn man diese Diskussion mit der berĂŒhmten Debatte zwischen Bohr und Einstein vor rund 70 Jahren vergleicht, sehe ich Stephen in der Rolle von Bohr und mich in der von Einstein. Denn Einstein beharrte darauf, es mĂŒsse so etwas wie eine reale Welt geben, die nicht unbedingt durch eine Wellenfunktion dargestellt sein mĂŒsse, wĂ€hrend Bohr betonte, die Wellen­funk­tion beschreibe keine „reale“ Mikrowelt, sondern nur „Wissen“, das fĂŒr Vorhersagen nĂŒtzlich sei.

Bohr gilt als Sieger in diesem Streit. TatsĂ€chlich hĂ€tte Einstein, folgt man der kĂŒrzlich erschienenen Einstein-Biographie von [Abraham] Pais, nach 1925 genausogut angeln gehen können. Zwar stimmt, daß er keine großen Fortschritte mehr machte, obwohl seine scharfsinnigen EinwĂ€nde sehr nĂŒtzlich waren. Ich glaube aber, der Grund, warum Einstein in der Quantentheorie nicht weiterhin Grundle­gendes leistete, war, daß dieser Theorie eine entscheidende Komponente fehlte. ....

Das Wesen von Raum und Zeit (The Nature of Space and Time), Stephen W. Hawking und Roger Penrose, 1996, Princeton University Press (deutscher Auszug, Spektrum der Wissenschaft)

Keplersche Gesetze, die von J. [Johannes] Kepler [1571 - 1630] aus dem von T. Brahe stammenden Beobachtungsmaterial hergeleiteten drei Gesetze der Planetenbewegung:

1.    Die Planeten bewegen sich auf Ellipsen (Kepler-Ellipsen), in deren einem Brennpunkt die Sonne steht.

2.    Die von der Sonne zu einem Planeten gezogene Verbindungslinie (Fahrstrahl) ĂŒberstreicht in glei­chen Zeiten gleiche FlĂ€chen (FlĂ€chensatz).

3.    Die Quadrate der Umlaufzeiten der Planeten verhalten sich wie die dritten Potenzen der großen Halbachsen ihrer Bahnellipsen.

Die Keplerschen Gesetze gelten nur nĂ€herungsweise. Sie wĂ€ren nur dann exakt gĂŒltig, wenn die Massen der Planeten gegenĂŒber der Sonnenmasse als vernachlĂ€ssigbar klein betrachtet und die AnziehungskrĂ€fte der Planeten untereinander vernachlĂ€ssigt werden könnten.

Meyers großes Taschenlexikon, Band 11, 1981

 

Newtonsches Gravitationsgesetz

NEWTON (1643 - 1727) leitete aus den Keplerschen Gesetzen das Gravitationsgesetz (1666) k=G*m1m2/rÂČ ab. Nach ihm ist die Kraft k, mit der sich zwei Massen m1 und m2  anziehen, ihrem Pro­dukt m1 * m2 direkt und dem Quadrat rÂČ ihres Abstandes r umgekehrt proportional. Der Proportionali­tĂ€tsfaktor ist die Gravitationskonstante G = 6,674 * 10-8 cm3g-1s-2. Dieses Gesetz ist die Grundlage der Mechanik. NEWTON erkannte, daß die Schwerkraft der Erde ein Sonderfall der allgemeinen Mas­senanziehung ist [gravitas lat. Schwere]. (Anmerkung: der Wert der Gravitationskonstante weicht heute von obigem Wert etwas ab)

Kleine EnzyklopÀdie NATUR, Leipzig 1971

 

Newtonsche Axiome

von Sir I. [Isaac]  Newton zusammengestellte Grundgesetze der Mechanik:

1.    Ursache der Beschleunigung eines Körpers ist eine auf ihn einwirkende Kraft, d.h. jeder Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen, geradlinigen Bewegung, solange keine KrĂ€fte auf ihn einwirken (TrĂ€gheitsgesetz).

2.    Die BewegungsĂ€nderung (Beschleunigung) eines Körpers ist der einwirkenden Kraft proportional und ihr gleichgerichtet (dynam. Grundgesetz).

3.    Die Wirkung ist stets gleich der Gegenwirkung (actio = reactio), d. h., ĂŒbt ein Körper A auf einen Körper B eine Kraft F1 aus, so ĂŒbt stets auch der Körper B auf den Körper A eine Kraft F2 aus, die von gleichem Betrage, aber entgegengesetzter Richtung ist, F1 = -F2 (Reaktions-, Gegenwirkungs- oder Wechselwirkungsprinzip, Newtonsches Wechselwirkungsgesetz).

Meyers großes Taschenlexikon, Band 15, 1981

 

Hume, 1) David, berĂŒhmter skeptischer Philosoph und klassischer Geschichtsschreiber Englands, geb. 26. April 1711 zu Edinburgh, ..., wo er  25. Aug. 1776 starb.

H. geht in der Philosophie unmittelbar von dem Locke-Baconschen Standpunkt aus. Alle unsre Vor­stellungen sind nach ihm teils Impressionen, d. h. sinnliche Empfindungen, teils Begriffe oder sogen. Ideen; letztere sind nur Kopien der ersteren und als solche weniger stark und lebhaft. Alle Gegen­stĂ€nde der Vernunft und menschlichen Erkenntnis sind somit entweder Beziehungen der Begriffe, wie die mathematischen SĂ€tze, oder Thatsachen der Erfahrung. Unsre Überzeugung von Thatsachen und unser RĂ€sonnement ĂŒber dieselben, durch welches wir die Grenze der Sinneswahrnehmung ĂŒber­schreiten, beruht auf Empfindung, GedĂ€chtnis und den SchlĂŒssen aus dem Kausalnexus, d. h. dem VerhĂ€ltnis von Ursache und Wirkung. Die Kenntnis dieser Kausalverbindung und Wirkung entsteht nicht aus SchlĂŒssen a priori, sondern letzlich aus der Erfahrung, und wir schließen, indem wir Ă€hnli­che Folgen von Ă€hnlichen Ursachen erwarten, aus dem Prinzip der Gewohnheit der VerknĂŒpfung verschiedener Erscheinungen, d. h. aus dem Prinzip der Association der Vorstellungen. Es gibt daher keine Kenntnis außer der Erfahrung, keine Metaphysik. Nur zufolge der Erfahrung glauben wir an Dinge außer uns selbst; da aber die Sinne tĂ€uschen, so kennen wir nur unsre Vorstellungen von den Dingen, nicht die Dinge selbst. Das weiteste Feld findet daher Humes Skeptizismus bei Behandlung der Begriffe Freiheit, Notwendigkeit, Unsterblichkeit und der Beweise vom Dasein Gottes. Als Motiv der sittlichen Handlungsweise nahm er einen Instinkt, ein subjektives, aber vielleicht der TĂ€uschung unterworfenes moralisches GefĂŒhl an. ...

MeyerÂŽs Konversations-Lexikon, vierte Auflage, Leipzig und Wien, Bibliographisches Institut, Band 8, 1890

 

Induktion[lat. >HinfĂŒhrung<, >EinfĂŒhrung<]

1) Biologie: die Auslösung eines Vorganges  ... oder eines Entwicklungsvorganges...

2) ElektrizitĂ€tslehre: a)Das Induktionsgesetz von M. Faraday (1831/32) lautet: An den Enden einer Leiterschleife (Spule) entsteht eine elektr. Spannung ...., solange sich der magnetische Fluß Ă€ndert....

b) magnetische Induktion ...

3) Logik: die Verfahren, die von Aussagen ĂŒber einen oder wenige FĂ€lle einer Gesamtheit zu Aus­sagen ĂŒber alle FĂ€lle der Gesamtheit fĂŒhren, heute als Teil der reduktiven Logik betrachtet. In der Mathematik kann durch die vollstĂ€ndige I. ein zwingender zuverlĂ€ssiger ® Beweis gefĂŒhrt werden(vgl. 4). In den empirischen Wissenschaften ist dagegen nur die unvollstĂ€ndige I. möglich; sie schreibt den ungeprĂŒften FĂ€llen oder GegenstĂ€nden eines gewissen Bereichs hypothetisch eine Eigenschaft zu, die sich bei den geprĂŒften FĂ€llen ausnahmslos bewĂ€hrt hat. Den so begrĂŒndeten Aussagen kommt daher nur ® Wahrscheinlichkeit zu. Die heutige mathemat. Logik hat sehr zahlreiche, in ihren Deu­tungen oft unvereinbare induktive Verfahren entwickelt. R. Carnap hat ein unendliches System induk­tiver Methoden angegeben, in dem jede Methode durch einen Parameter charakterisiert ist. Ob ĂŒber­haupt eine induktive Logik mit exakten Regeln möglich ist, ist strittig. Gegensatz ist die ® Deduktion. ...

4) Mathematik: VollstĂ€ndige I. nennt man folgende sehr fruchtbare Beweismethode fĂŒr SĂ€tze ĂŒber die natĂŒrlichen Zahlen 1,2,3, ...: Wenn eine Eigenschaft als richtig fĂŒr die Zahl 1 erkannt ist und man aus der Voraussetzung, daß sie fĂŒr die natĂŒrliche Zahl n gelte, mit Hilfe bereits bewiesener SĂ€tze ableiten kann, daß sie dann auch fĂŒr die Zahl n+1 richtig ist, haben alle natĂŒrlichen Zahlen diese Eigenschaft. Daß dieses Beweisprinzip richtig ist, kann man darauf zurĂŒckfĂŒhren, daß jede ® Menge natĂŒrlicher Zahlen ein erstes Element besitzt. Die Mengenlehre erweitert diese Beweismethode zur transfiniten I. Beispiel: Die fĂŒr alle natĂŒrlichen Zahlen zu beweisende Eigenschaft sei nÂČ >= n, d.h. nÂČ ist eine Zahl grĂ¶ĂŸer oder zumindest gleich n. Die Verankerung der I. bei n=1 ist richtig, denn 1ÂČ = 1 >= 1. Die Induktionsannahme sei nÂČ >= n. Aus ihr folgt wegen (n+1)ÂČ = nÂČ + 2n + 1, daß (n+1)ÂČ >= n + 2n +1 ist. Aus 3n+1 >= n+1 folgt die behauptete Eigenschaft fĂŒr die Zahl n+1, nĂ€mlich (n+1)ÂČ >= n+1, also nach obigem Beweisprinzip fĂŒr alle natĂŒrlichen Zahlen.

Brockhaus EnzyklopÀdie, Band 9, 17. Auflage (1970)

 

Induktion (lat. >>EinfĂŒhrung, Überleitung<<), in der Logik das Verfahren, von dem Besondern auf das Allgemeine zu schließen oder Merkmale, die man an einzelnen Dingen einer Art und Gattung findet, auf alle Dinge derselben Art und Gattung zu ĂŒbertragen. WĂ€hrend die strengen SchlĂŒsse, Syl­logismen (Vernunftschluß, in der Syllogistik ein gĂŒltiger logischer Schluß, der von zwei PrĂ€missen mittels des syllogist. Verfahrens herbeigefĂŒhrt wird) im engern Sinn, welche vom allgemeinen auf das ihm untergeordnete Besondere gehen, apodiktische Gewißheit geben, sobald nur die PrĂ€missen rich­tig sind, kann die I. in der Regel nur Wahrscheinlichkeiten gewĂ€hren. In der syllogistischen Schluß­folge: >>Alle Menschen sind sterblich, Cajus ist ein Mensch, folglich ist Cajus sterblich<<, ist der letzte Satz apodiktisch gewiß, sobald nur der erste und der zweite richtig sind. Dagegen kann man auf dem Weg der I. darauf, daß die bis jetzt beobachteten Bewegungen der Himmelskörper nach dem Gesetz der Gravitation vor sich gehen, nur mit Wahrscheinlichkeit folgern, daß alle Bewegun­gen von Himmelskörpern nach diesem Gesetz erfolgen. Je grĂ¶ĂŸer die Zahl der ĂŒbereinstimmenden FĂ€lle ist, aus welchen man eine I. auf das allgemeine macht, desto mehr nĂ€hert sich beim Schluß auf das Ganze die Wahrscheinlichkeit der Gewißheit. So ist obiger Schluß, daß alle Himmelskörper nach dem Gesetz der Gravitation sich bewegen, viel sicherer als die Folgerung, daß, weil die Erde bewohnt ist, auch die ĂŒbrigen Planeten bewohnt seien. Nur dann, wenn die einzelnen FĂ€lle, von denen man den Schluß auf die ganze Gattung macht, vollstĂ€ndig und ĂŒbereinstimmend sind, kön­nen auch die InduktionsschlĂŒsse auf volle Gewißheit Anspruch machen; eine solche I. nennt man eine vollstĂ€ndige. Die ObersĂ€tze von Syllogismen sind, sobald sie sich auf Erfahrungsdinge beziehen, erst aus solchen vollstĂ€ndigen Induktionen abgeleitet; z.B. der Satz: >>Alle Menschen sind sterb­lich<< behĂ€lt nur dadurch seine Wahrheit, daß alle Menschen auch wirklich gestorben sind. Da es sich in den Naturwissenschaften um lauter ErfahrungssĂ€tze handelt, so leuchtet nach dem Gesagten ein, daß hier die I. der einzige Weg ist,zu allgemeineren LehrsĂ€tzen zu gelangen. Darum nennt man diese Wissenschaft induktive. Eine wissenschaftliche Methode, die sich ausschließlich auf I. grĂŒndet, nennt man ebenfalls induktiv oder induktorisch. Die induktorische Methode hat bis jetzt in England ihre eif­rigsten und glĂŒcklichsten Bearbeiter gehabt. Ein System derselben gibt J. Stuart Mills „System of logic“ (deutsch unter dem Titel: „Die induktive Logik“ von Schiel, 3. Aufl., Braunschw. 1868); Apelt, Theorie der I. (Leipz., 1854).

MeyerÂŽs Konversations-Lexikon, Band 9, dritte Auflage, Leipzig 1876

 

Bertrand Russell (1872 - 1970), EinfĂŒhrung in die mathematische Philosophie (1919):

Die drei Grundbegriffe in Peanos (1858 - 1932) Arithmetik sind:

0, Zahl, Nachfolger. ...

Die fĂŒnf GrundsĂ€tze von Peano lauten:

1      0 ist eine Zahl

2      Der Nachfolger irgend einer Zahl ist eine Zahl

3      Es gibt nicht zwei Zahlen mit demselben Nachfolger

4      0 ist nicht der Nachfolger irgend einer Zahl

5      Jede Eigenschaft der 0, die auch der Nachfolger jeder Zahl mit dieser Eigenschaft besitzt, kommt allen Zahlen zu.

Der letzte Satz ist das Prinzip der mathematischen Induktion. ...

... die Theorie der natĂŒrlichen Zahlen aus diesen drei Begriffen und fĂŒnf SĂ€tzen folgt....

 

Die Verwendung der mathematischen Induktion bei Beweisen war in der Vergangenheit eine Art My­sterium. Man konnte scheinbar keinen ernsten Zweifel an der GĂŒltigkeit dieser Beweismethode hegen. Aber niemand wußte, warum sie gĂŒltig war. Manche glaubten, sie sei ein Spezialfall der Induktion im logischen Sinn. PoincarĂ© (1854 - 1912) hielt sie fĂŒr ein Prinzip von grĂ¶ĂŸter Wichtigkeit, durch das man eine unendliche Zahl von Syllogismen in ein einziges Argument zusammenziehen könne. Wir wissen heute, daß all diese Betrachtungen irrtĂŒmlich sind. Die mathematische Induktion ist eine Definition und kein Prinzip. ...

Die mathematische Induktion bringt besonders deutlich den wesentlichen Unterschied des Endlichen vom Unendlichen zum Ausdruck. Das Prinzip der mathematischen Induktion lĂ€ĂŸt sich populĂ€r unge­fĂ€hr so aussprechen: was vom Einen auf das NĂ€chste geschlossen werden kann, das kann auch vom Ersten auf das Letzte geschlossen werden. Dies gilt, wenn die Zahl der Schritte zwischen dem ersten und letzten endlich ist, im anderen Fall nicht. Wer jemals gesehen hat, wie ein GĂŒterzug zu fahren anfĂ€ngt, wird beobachtet haben, wie der Anstoß mit einem Ruck von einem Wagen zum nĂ€chsten geht, bis zuletzt auch der hinterste Wagen lĂ€uft. Wenn der Zug sehr lang ist , dauert es auch sehr lange, bevor der letzte Wagen sich bewegt. Wenn der Zug aber unendlich lang wĂ€re, so gĂ€be es eine unendliche Folge von StĂ¶ĂŸen, und nie wĂŒrde der ganze Zug in Bewegung sein. HĂ€tte man eine Folge von Wagen, die nicht lĂ€nger ist als die Folge der induktiven Zahlen (wie wir spĂ€ter sehen werden, ist dies ein Beispiel fĂŒr die kleinste unter den unendlich großen Zahlen), so wĂŒrde jeder Wagen frĂŒher oder spĂ€ter anfangen, sich zu bewegen, wenn die Maschine fortwĂ€hend zieht. Aber es gĂ€be noch immer weiter hinten befindliche Wagen, die sich noch bewegen. Dieses Bild hilft uns den Schluß von dem „Einen zum NĂ€chsten“ und seinen Zusammenhang mit der Endlichkeit zu illustrieren.

 

Karl Popper Lesebuch

 â€žEr (Popper) erkannte, daß es die Falsifizierbarkeit wissenschaftlicher Hypothesen ist, auf die es ankommt, und mehr noch darauf, daß Wissenschaftler es sich zur Aufgabe machen, ihre Hypothesen dem Risiko der Falsifizierung auszusetzen. So erkannte Popper die entscheidende Rolle negativer Argumente in der Wissenschaft, wie auch die Entbehrlichkeit von Argumenten und Experimenten, die zur StĂŒtze von Hypothesen dienen sollen. Dabei löste er das Humesche Induktionsproblem, eines der lĂ€stigsten RĂ€tsel der modernen Philosophie und eines der wenigen, so meine ich, das nunmehr end­gĂŒltig geklĂ€rt ist. ...“ (Einleitung des Herausgebers David Miller, S X).

 

Welteneinteilung Poppers (Text 4):

·      1. Welt: physikalische GegenstĂ€nde oder ZustĂ€nde (materielle Welt)

·      2. Welt: geistige oder BewußtseinszustĂ€nde oder Verhaltensdispositionen

·      3. Welt: objektive (von der 1. und 2. Welt mehr oder weniger? unabhĂ€ngige) Gedankeninhalte, Theorien, Ideen, „wissenschaftliche“? und „dichterische Gedanken und Kunstwerke“ - „Menschenwerk und verĂ€nderlich“, „wahre, offene  und falsche Theorien, Probleme, Vermutungen und Widerlegungen“.

 

„... behaupte ich, unser Problem sei, bessere und kĂŒhnere Theorien zu finden, nicht der Glaube zĂ€hle, sondern die kritische Bevorzugung.“

 

„... wichtigste Bewohner der dritten Welt sind die kritischen Argumente und der Stand einer kritischen Auseinandersetzung“

 

„sehr viel wichtiger als die Untersuchung der Erzeugung ist die Untersuchung der Erzeugnisse...“

 

Problem1 --> VorlÀufige Theorie --> Fehlerbeseitigung --> Problem2 ... (Fehlerbeseitung durch syste­matische rationale Kritik).

 

 

AnfÀnge des Rationalismus (Text 1):

„... die Bedeutung von Beobachtungen und Experimenten hĂ€ngt gĂ€nzlich von der Frage ab, ob sie dazu benutzt werden dĂŒrfen, um bestehende Theorien zu kritisieren. Nach der hier umrissenen Theo­rie der Erkenntnis  kann man die Überlegenheit einer Theorie gegenĂŒber einer anderen hauptsĂ€chlich nach folgenden Gesichtspunkten beurteilen: ob sie mehr erklĂ€rt; ob sie grĂŒndlicher ĂŒberprĂŒft ist, d.h. ob man ĂŒber sie ernsthafter und kritischer diskutiert hat ...“ (S.9/10).

„Unsere Versuche, Wissen ĂŒber unsere Welt zu erlangen, enthalten nur ein einziges rationales Ele­ment: die kritische PrĂŒfung unserer Theorien. Die Theorien selbst sind Versuche, die Lösung unseres Problems zu erraten: bestenfalls eine Vermutung. ...“ (S.10)

„... der Fortschritt des Wissens besteht aus Vermutungen und Widerlegungen.“ (S.10)

„... Bacons Mythos der Induktion ...“ - „... daß es kein induktives Erkenntnisverfahren gibt ...“

 

Problem der Induktion (Text 7):

„Das logische Problem der Induktion entspringt

·      a) aus der Entdeckung Humes, daß es unmöglich ist, ein Gesetz durch Beobachtung oder Experi­ment zu rechtfertigen, da es die >>Erfahrung transzendiert<<,

·      b) aus der Tatsache, daß die Wissenschaft >>immer und ĂŒberall<< Gesetze aufstellt und anwen­det. ...

·      Dazu mĂŒssen wir noch ergĂ€nzen c) das Prinzip des Empirismus, das behauptet, daß in der Wis­senschaft nur Beobachtung und Experiment ĂŒber die Annahme oder Ablehnung von wissenschaft­lichen SĂ€tzen, einschließlich Gesetzen und Theorien, entscheiden dĂŒrfen.

Diese drei Prinzipien a), b) und c) scheinen auf den ersten Blick einander zu widersprechen. Und dieser Widerspruch bildet das logische Problem der Induktion .“ (S.85) ...

In Wirklichkeit besteht aber zwischen den drei Prinzipien kein Widerspruch. Wir begreifen das sofort, wenn wir uns klarmachen, daß die Wissenschaft ein Naturgesetz immer nur vorlĂ€ufig akzeptiert; ...(Hypothetizismus)  und daß wir ein Gesetz oder eine Theorie aufgrund von neuen Tatsachen ver­werfen können, ohne deshalb die alten Tatsachen aufgeben zu mĂŒssen, ...(S. 86)...

Solange eine Theorie die schwersten PrĂŒfungen besteht, die wir uns ausdenken können, wird sie akzeptiert; wenn nicht, wird sie verworfen. Aber sie wird niemals, in irgendeinem Sinn, aus empiri­schen Tatsachen abgeleitet. Es gibt weder eine psychologische noch eine logische Induktion. Nur die Falschheit einer Theorie kann aus empirischen Tatsachen abgeleitet werden, und diese Ableitung ist rein deduktiv.(S. 86)...

Das ist die Lösung des angeblichen Widerspruchs zwischen den Prinzipien a), b) und c) und damit auch die Lösung von Humes Induktionsproblem.“ (S.86)

 

„Typische Beispiele fĂŒr zugleich traditionelle und schlechte Formulierungen des Induktionsproblems sind die folgenden.

Was ist die Rechtfertigung fĂŒr die Überzeugung, daß die Zukunft der Vergangenheit gleichen wird? Was ist die Rechtfertigung fĂŒr sogenannte induktive SchlĂŒsse?

Mit einem induktiven Schluß meint man hier einen Schluß aus wiederholt beobachteten FĂ€llen auf einige vorerst unbeobachtete FĂ€lle“ [vergangen oder zukĂŒnftig]. (S.87)

 

... „obwohl Hume gleichzeitig und in scharfem Gegensatz zu mir an die psychologische Macht der Induktion glaubte; nicht als ein logisch zulĂ€ssiges Verfahren, sondern als ein Verfahren, das Tiere und Menschen tatsĂ€chlich und aus biologischer Notwendigkeit erfolgreich verwenden.“ (S.87)

 

... „eine solche Forderung [nach Rechtfertigung] ist unkritisch, weil sie blind fĂŒr die Möglichkeit ist, daß die Induktion in jeder Hinsicht unhaltbar und daher nicht zu rechtfertigen ist. ...

Die Überzeugung, daß wir Induktionen verwenden, ist einfach ein Irrtum. Sie ist eine Art optischer TĂ€uschung.

Was wir tatsĂ€chlich verwenden, ist eine Methode von Versuch und Fehlerausmerzung; wie immer tĂ€uschend Ă€hnlich diese Methode der Induktion sehen mag, ihre logische Struktur, wenn wir sie genau untersuchen, ist von derjenigen der Induktion vollkommen verschieden.“ (S.88)

 

... „wie ich es nenne, den Vermutungscharakter der menschlichen Erkenntnis.“ (S. 88)

 

... „der besten Art der menschlichen Erkenntnis..., der wissenschaftlichen Erkenntnis.“ (S.88)

 

Beispiel: Newtonsche Mechanik, abgelöst durch  Einsteins Theorie bzw. Quantentheorie, somit „eine merkwĂŒrdig erfolgreiche Hypothese, und eine verblĂŒffend gute AnnĂ€herung an die Wahrheit“. (S.89)

 

„Ich halte sehr viel vom Alltagsverstand. ... Der erste [Teil der Weltsicht] ist der Realismus des All­tagsverstandes; das ist die Ansicht, daß es eine wirkliche Welt gibt, die wirkliche Menschen, Tiere ... enthĂ€lt.“ ... „Ein ganz anderer Teil ... ist die Erkenntnistheorie des Alltagsverstandes.... Unsere Sinne sind die wichtigsten, wenn nicht die einzigen, Quellen unserer Erkenntnis. Diese zweite Ansicht betrachte ich als völlig falsch...“ (S.90)

 

Problem sonst: die einzig gewissen Elemente der Erkenntnis sind Empfindungen. („Idealismus“) (S.90/91)

 

„Die beiden Induktionsprobleme Humes waren also:

1) Das logische Problem: Ist es vernĂŒnftigerweise gerechtfertigt, von wiederholten EinzelfĂ€llen, von denen wir Erfahrungswissen haben, auf FĂ€lle zu schließen, von denen wir kein Erfah­rungswissen haben?“ (Antwort Humes: nein!, auch wenn statt Gewißheit nur Wahrscheinlichkeit gefordert wird).

„2:) ... Wie kommt es, daß trotzdem alle vernĂŒnftigen Menschen erwarten und glauben, daß FĂ€lle, von denen sie kein Erfahrungswissen haben, jenen entsprechen werden, von denen sie Erfahrungswissen haben?“ (Antwort Humes: Aus Gebrauch, Gewohnheit, anziehender Macht des Assoziativgesetzes)

„Meine (Poppers) Ansicht ist, daß Humes Antwort auf das logische Problem richtig ist und daß seine Antwort auf das psychologische Problem trotz ihrer Überzeugungskraft ganz falsch ist.“ (S.92)

 

„... so schreibt Russell ...>>... ob es im Rahmen einer ganz oder teilweise empiristischen Philosophie eine Antwort auf Hume gibt. Wenn nicht, dann gibt es keinen erkenntnistheoretischen Unterschied zwischen Vernunft und Wahnsinn. ...<< " (S.93)

 

Poppersche Neuformulierung:

„Ist es vernĂŒnftigerweise gerechtfertigt, von FĂ€llen oder Gegenbeispielen, von denen wir Erfahrungswissen haben, auf die Wahrheit oder Falschheit der entsprechenden Gesetze zu schließen oder auf FĂ€lle, von denen wir kein Erfahrungswissen haben?“ (S.95)

... Die Induktion ist logisch unhaltbar; aber die Widerlegung oder Falsifizierung ist ein logisch zulĂ€ssi­ger Weg, von einem einzigen Gegenbeispiel auf das entsprechende Gesetz zu schließen.“ (S.95)

 

[wir können eine] „logische Theorie der Bevorzugung erstellen““ (S.96)

„Was die Theorien des Wissenschaftlers und des Wahnsinnigen gemeinsam haben, ist, daß beide dem Vermutungswissen angehören. Aber es gibt Vermutungen, die viel besser sind als andere; ...“ (S.96)

 

„Wir wollen neue und interessante Wahrheit. So gelangen wir zu der Idee des Wachstums des infor­mativen Gehalts, und besonders des Wahrheitsgehalts....“ (S.97)

 

„Du sollst kĂŒhne Theorien mit großem informativen Gehalt ausprobieren und anstreben; und dann laß diese kĂŒhnen Theorien konkurrieren, indem du sie kritisch diskutierst und strengen PrĂŒfungen unter­ziehst.“ (S.97)

 

„Diese bevorzugten Vermutungen sind das Resultat der Auslese, des Kampfes um das Überleben der Hypothesen unter dem Druck der Kritik, die einen kĂŒnstlich erzeugten Auslesedruck darstellt.“ („Darwinisches Verfahren der Selektion von Überzeugungen und Handlungen“): (S.98)

 

„Das fĂŒhrt uns zu den pragmatischen Problemen der Induktion“:

„1) Auf welche Theorien sollten wir uns von einem rationalen Standpunkt aus fĂŒr das praktische Han­deln verlassen?“ (Antwort Poppers: auf keine)

„2.) Welche Theorie sollten wir von einem rationalen Standpunkt aus fĂŒr das praktische Handeln bevorzugen?“ (Antwort Poppers: die bestgeprĂŒfte) (S.99)

 

Michael Schmidt, POSITVISMUS ODER POSTPOSITIVISMUS?, The Poppers Newsletter (4) œ:

„... ZunĂ€chst die Annahme, es gĂ€be Induktionen und daraus folgend die Möglichkeit, die EigenstĂ€n­digkeit theoretischer Formulierungen gegenĂŒber empirischen Daten zu leugnen. Wenn eine der Popperschen Leistungen die Zeiten ĂŒberdauern sollte, dann ist es die Kritik am Induktivismus. Es kann keinerlei Zweifel geben, daß es in der Popperschen Methodologie der theoretischen Wissen­schaften keinen gĂŒltigen Modus induktiven Schließens gibt, womit auch alle jene Forderungen entfal­len, die von der gegenteiligen Auffassung ausgehen mögen. Damit ist die Autonomie theoretischen Denkens gegenĂŒber jeder noch so umfangreichen ÂŽempirischen BasisÂŽ bestĂ€tigt und die bestĂ€ndige Betonung Poppers, der Erkenntnisfortschritt bedĂŒrfe einer kĂŒhnen, die BeschrĂ€nkungen jeder empiri­schen Vorinformation ĂŒbersteigenden theoretischen Fantasie, verstĂ€ndlich. ...“